Evangelische Kirche trauert um Hospiz-Pionierin Erika Ritter

veröffentlicht 05.05.2026 von mr, Ev. Dekanat Bergstraße

Erika Ritter, Pionierin der Hospizarbeit im Überwald und prägende Kraft auch auf landeskirchlicher Ebene, ist im Alter von 87 Jahren gestorben. Ihr Einsatz für Sterbende und Angehörige hat die Region und darüber hinaus nachhaltig verändert.

Erika Ritter, die sich große Verdienste um die Hospizarbeit der Evangelischen Kirche erworben hat, ist am 26. April dieses Jahres im Alter von 87 Jahren in Erbach im Odenwald gestorben. Sie wurde am 10. September 1938 in Bad Homburg vor der Höhe geboren und lebte über Jahrzehnte in Wald-Michelbach. Dort prägte sie das kirchliche und diakonische Leben nachhaltig.

Von September 1991 bis September 2009 gehörte sie dem Vorstand der Evangelischen Kirchengemeinde an. In dieser Zeit setzte sie sich mit außergewöhnlichem Engagement für Menschen in schwierigen Lebenssituationen ein. Ihr Wirken ging jedoch weit über die Gemeinde hinaus: Erika Ritter war eine der Wegbereiterinnen der Hospizarbeit im Überwald, im Weschnitztal und in Lindenfels – dem Wirkungsbereich des Hospizdienst Odenwald in Trägerschaft des Evangelischen Dekanats Bergstraße - und eine wichtige Stimme in der Landeskirche.

Als sie Anfang der 1990er-Jahre begann, Sterbende zu begleiten, betrat sie Neuland. „Der Gedanke, dass Menschen am Lebensende soziale und spirituelle Begleitung brauchen, war damals noch wenig verbreitet“, heißt es in einer Pressemitteilung des Evangelischen Dekanats Bergstraße. Viele Menschen seien einsam gestorben. Ritter wollte das nicht hinnehmen. Gemeinsam mit Mitstreitenden baute sie Besuchsdienste in mehreren Pflegeeinrichtungen auf und begleitete schwerkranke Menschen – oft täglich, manchmal auch nachts.

„Einfach da sein und zuhören können. Das ist das Allerwichtigste“, beschrieb Erika Ritter selbst den Kern der Hospizarbeit. Diese Haltung bestimmte ihr Handeln. Sie nahm sich Zeit für Gespräche, hielt die Hand von Menschen, die nicht mehr sprechen konnten, und sang ihnen Lieder vor. Die Begleitung Sterbender verstand sie als Ausdruck gelebten Glaubens und als „ureigene Aufgabe einer Kirchengemeinde“. 

Neben der praktischen Arbeit entwickelte sie Strukturen, die bis heute tragen. Sie bildete gemeinsam mit Pfarrerinnen Hospizhelferinnen aus, koordinierte deren Einsätze und organisierte Fortbildungen sowie Informationsveranstaltungen zu Themen wie Schmerztherapie oder Patientenverfügung. Auch Trauerbegleitung war ihr wichtig.

Ihr Engagement reichte dabei über die Region hinaus. Erika Ritter gehörte zu den Mitwirkenden der ersten Stunde, als 1996 die Arbeitsgemeinschaft Hospiz in der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) gegründet wurde. Als Mitglied des damaligen SprecherInnenrats – heute Leitungsausschuss – half sie, die Arbeit landeskirchlich zu vernetzen. Sie organisierte Mitgliederversammlungen und Fortbildungen mit und stärkte so die ehrenamtliche Basis der Hospizarbeit.

Ute Gölz, Präses des Evangelischen Dekanats Bergstraße, würdigte dieses Engagement bei der Verleihung der Starkenburgmedaille im Jahr 2008 als herausragend. Die Begleitung Sterbender sei „die höchste Form christlicher Nächstenliebe“, sagte sie. Erika Ritter habe „einen großen Teil ihrer persönlichen Lebenszeit diesem diakonischen Dienst gewidmet“. Gölz erinnerte daran, dass Ritter die schwierige Situation in Pflegeheimen nicht akzeptierte und entscheidend zur Gründung des Hospizdienstes Odenwald beitrug – zu einer Zeit, als es dafür kaum Vorbilder gab.

Auch organisatorisch trug sie große Verantwortung. Sie gewann Ehrenamtliche, schulte sie und koordinierte deren Einsätze. Zudem leistete sie Öffentlichkeits- und Gremienarbeit bis hin zur Arbeitsgemeinschaft Hospiz der EKHN. Mit Beharrlichkeit setzte sie sich für bessere Strukturen ein. So erreichte sie nach langem Einsatz die Einrichtung einer hauptamtlichen Koordinationsstelle für die Hospizarbeit im Odenwald.

Ihr Engagement war eng mit persönlichen Erfahrungen verbunden: Einer ihrer Söhne war beeinträchtigt und die Fürsorge für ihn prägte ihren Blick auf Krankheit und Hilfsbedürftigkeit. Sie selbst sagte, sie habe dadurch eine besondere Nähe zu Menschen entwickelt, die keine Stimme haben. Neben ihrem Ehrenamt arbeitete sie als Sonderschullehrerin und später als Legasthenietherapeutin. 

Trotz aller Belastungen empfand sie ihre Arbeit als Bereicherung. „Ich bekomme viel mehr zurück, als ich gebe“, sagte sie. Diese Haltung gab sie an viele Ehrenamtliche weiter.

Für ihr Lebenswerk erhielt Erika Ritter 2008 die Starkenburgmedaille der Stiftung des Evangelischen Dekanats Bergstraße. Die Auszeichnung würdigte ihre Pionierarbeit und ihren nachhaltigen Einfluss auf die Hospizarbeit.

Mit Erika Ritter verliert die Evangelische Kirche eine prägende Persönlichkeit. Ihr Einsatz für Sterbende und ihre Angehörigen hat das Bewusstsein für ein würdevolles Lebensende weit über den Überwald hinaus gestärkt. Ihr Wirken bleibt – in den Strukturen, die sie aufgebaut hat, und in den Menschen, die ihren Weg fortsetzen.