18 Millionen Tonnen Lebensmittel landen nach Angaben der Umweltstiftung „World Wide Fund For Nature” in Deutschland jährlich auf dem Müll. Berechnungen des WWF zufolge entspricht diese Menge fast einem Drittel des Nahrungsmittelverbrauchs der Bundesrepublik. Ingrid Janzen und ihre Mitstreiter setzen eine andere Zahl dagegen:
505 Tonnen Lebensmittel haben hat die Zwingenbergerin - eine von drei Botschafterinnen der sogenannten „foodsharing”-Bewegung an der Bergstraße - gemeinsam mit den rund 100 „Foodsafern” in der Region seit 2015, dem Gründungsjahr der regionalen Gruppe, schon „gerettet”. Und täglich wird dieser Wert größer. Auch die Zahl der Abnehmer wächst – und das auch in Zwingenberg, wo am Montagabend am Evangelischen Gemeindehaus ein „Fairteiler“-Schrank in Betrieb genommen wurde.
Vorbild ist der im Jahr 2024 in Heppenheim mit Unterstützung der Stiftung der Sparkasse Starkenburg aufgestellte „Fairteiler“-Schrank, der nach Angaben der Akteure gut angenommen wird. Im ältesten Bergstraßenstädtchen wiederum hat die Bergsträßer „foodsharing”-Initiative für den Bau des Schrankes ihr Preisgeld eingesetzt, das sie beim „EchtSTARK“-Wettbewerb der Energiegenossenschaft Starkenburg eG gewonnen hat. Es klafft zwar noch eine Finanzierungslücke, aber die Ehrenamtlichen hoffen auf die eine oder andere Geldspende.
Vielleicht auch aus dem Kreise derer, die sich ab sofort an den Lebensmitteln im Zwingenberger „Fairteiler“-Schrank kostenlos und ohne jegliche Voranmeldung bedienen können. Bestückt wird das Behältnis, das auf der Nordseite des Evangelischen Gemeindehauses an der Ecke Darmstädter Straße/Walter-Möller-Straße steht, nahezu täglich. Nämlich immer dann, wenn die „Foodsafer“ bei den rund 40 Kooperationspartnern entsprechende „Ware“ abgeholt haben.
Vor dem Entsorgen als Abfall bewahrt bleiben dies Lebensmittel durch einen ebenso simplen wie wirkungsvollen „Trick”: Sie werden schlicht und einfach verbraucht, also gegessen oder getrunken. Wenn eine Bäckerei zu viele Brötchen und Kaffeestückchen produziert hat, im Supermarktregal der Winterzauber-Tee aus- und der Sommertee eingeräumt wird oder Obst und Gemüse demnächst nicht mehr taufrisch erscheinen werden, aber immer noch gut sind, dann sind sie zur Stelle:
Die Lebensmittelretter (= „Foodsafer“) der Initiative „foodsharing” (= Lebensmittel teilen). Sie rücken – je nach Menge der abzuholenden Produkte – in kleinen Teams oder als Solisten aus, um – in der Regel an festgelegten Tagen – die Lebensmittel aus den Kooperations-Betrieben wegzuschaffen, für die dort keine Verwendung mehr besteht. Binnen kürzester Zeit geben die Foodsafer dann online – per Webseite, Facebook oder WhatsApp – bekannt, wo und zu welchen Zeiten die Produkte kostenlos abgeholt werden können.
Die „Foodsafer“ werden dann zu „Fair-Teilern” – also zu fairen Verteilern – und laden auf ihre Grundstücke und in ihre Häuser zur unentgeltlichen Abgabe der Lebensmittel ein. Und seit Montag wird auch der Zwingenberger „Fairteiler“-Schrank bestückt.
Eine der ersten „foodsharing”-Aktivistinnen in der Region war die Zwingenbergerin Henrike Dietermann. Ende des Jahres 2012 hörte sie von der im selben Jahr gegründeten, bundesweiten „Initiative gegen die Lebensmittelverschwendung“ in einem Radiobeitrag – und sie war sofort interessiert. Sie trat dem in Köln ansässigen, aber bundesweiten agierenden Verein auf dessen Webseite www.foodsharing.de bei und begab sich im ältesten Bergstraßenstädtchen und der Umgebung auf die Suche nach Gleichgesinnten.
Mitstreiter zu finden, das sei anfangs nicht einfach gewesen, erinnert sich Henrike Dietermann. Denn Lebensmittel zu verwerten, die eigentlich als Müll entsorgt werden sollen, kommt für viele Menschen fast einem Tabu gleich: Von Ekel bis „das habe ich doch nicht nötig” reichen die Ablehnungsgründe. Doch so nach und nach wollten auch an der Bergstraße immer mehr mithelfen, „den Verschwendungswahn zu stoppen”, wie es in einer „foodsharing”-Veröffentlichung heißt: Aktuell hat der Facebook-Auftritt der regionalen Gruppe fast 2900 Follower.
Dabei legen die Aktivisten großen Wert auf die Feststellung: „Wir verfolgen nicht das Ziel, wie es die ,Tafel’-Initiativen tun”, so Ingrid Janzen. Und dabei geht es nicht etwa um eine arrogante Abgrenzung zu der Bewegung, die sich beispielsweise in Trägerschaft der Regionalen Diakonie Südhessen um das Verteilen von Lebensmitteln an Bedürftige kümmert, sondern schlichtweg um ein anderes Konzept: „Das Ziel von ,foodsharing’ ist es, sich selbst wieder abzuschaffen. Wir wollen nicht die Erwartungshaltung erzeugen, dass man bei uns ,einkaufen’ kann. Und Vorrang haben immer die ,Tafeln‘“.
Henrike Dietermann ergänzt „Am Besten wäre es, wenn erst gar keine Lebensmittel gerettet, also vor dem Entsorgen auf der Müllhalde bewahrt werden müssten.” Diesen Zustand zu erreichen, das haben sich die „Foodsafer“ auf ihre Fahnen geschrieben: „Die größte Freude für einen Lebensmittelretter ist es, wenn aus einem Kooperations-Betrieb nur wenig Produkte abgeholt werden müssen.”
„foodsharing“-Botschafterin Ingrid Janzen dankte bei der Inbetriebnahme des Zwingenberger „Fairteiler“-Schrankes besonders dem Vorstand der Evangelischen Kirchengemeinde Zwingenberg mit seiner Vorsitzenden Claudia Willbrand und Gemeindepfarrer Christian Hilsberg. Der Seelsorger findet sowohl die „foodsharing”-Initiative „toll“ als auch die Entscheidung, dass die Kirche mit im Boot ist. Wenngleich Begriffe wie „Foodretter“ oder „Fairteiler“ nicht in der Bibel zu finden sind, sei das Teilen von Nahrung mit anderen ein Thema der heiligen Schrift und des kirchlichen Handelns, zitierte Hilsberg aus Psalm 145: „Aller Augen warten auf dich, und du gibst ihnen ihre Speise zur rechten Zeit.“
Damit der „Fairteiler“ dauerhaft genutzt werden kann, setzen die Betreiber auf die Mithilfe aller Beteiligten. In den Fairteiler-Regeln heißt es, dass nur Lebensmittel abgegeben werden sollen, die man auch selbst noch essen würde. Verdorbene oder schimmelige Waren gehören nicht in den Schrank.
Erlaubt sind unter anderem Brot, Obst, Gemüse, Trockenwaren und Konserven – auch dann, wenn das Mindesthaltbarkeitsdatum bereits überschritten ist. Nicht eingestellt werden dürfen dagegen kühlpflichtige Lebensmittel, Fleisch- und Fischwaren, Alkohol sowie offene zubereitete Speisen. Ehrenamtliche kontrollieren und reinigen den Schrank täglich. Zugleich wird an alle Nutzer appeliert, den „Fairteiler“ sauber zu halten und verdorbene Lebensmittel umgehend zu entsorgen.
Wer Kontakt mit den Bergsträßer „foodsharing“-Akteuren aufnehmen möchte, der kann das per E-Mail tun: hessische.bergstrasse@foodsharing.network