Die Evangelische Kirchengemeinde „Petrus zum Hahnenschrei“ in Gorxheimertal verabschiedet Pfarrerin Dr. Vera-Sabine Winkler in den Ruhestand. Die Verabschiedung findet am 26. Juli, Sonntag, im Rahmen eines Gottesdienstes statt. Beginn ist um 17 Uhr in der evangelischen Kirche (Im Gärtel) in Gorxheimertal. Die sogenannte Entpflichtung übernimmt Pfarrerin Sonja Mattes, Dekanin des Evangelischen Dekanats Bergstraße. Im Anschluss an den Gottesdienst besteht bei einem Empfang Gelegenheit, sich persönlich von Vera-Sabine Winkler zu verabschieden.
Mit dem Ruhestand endet für Vera-Sabine Winkler ein vielseitiger und erfüllter Berufsweg, in dem sich Gemeindearbeit, wissenschaftliche Arbeit und literarisches Schreiben wechselseitig bereichert und verbunden haben. Ihre spirituelle Prägung begann früh und „unbewusst“: Erinnerungen an Gebete mit ihrer Großmutter, den Psalm 23 und das Vaterunser gehören für sie zur Kindheit. „Es war wie ein großer warmer Mantel, mit dem mir meine Großmutter alle Angst nahm.“ Hinzu kam die christliche Prägung ihrer Mutter, die als Mädchen von einem Pfarrer der Bekennenden Kirche begleitet und unterstützt wurde.
"Der exotischste Beruf der Welt"
Schon in der Konfirmationszeit reifte der Berufswunsch von Vera-Sabine Winkler. Mit 14 oder 15 Jahren habe für sie „mehr oder weniger festgestanden“, dass sie Pfarrerin werden wolle. Der Beruf erschien ihr damals „als der exotischste Beruf der Welt“, weil er künstlerische, sprachliche und musikalische Elemente verbinde.
Später im Studium begegnete sie allerdings auch einer von Männern dominierten, in vielen Teilen noch juden- und frauenfeindlichen Theologie und einer starren kirchlichen Verwaltung. Beides nahm sie nie ohne Widerspruch hin. Positiv geprägt habe sie vor allem die feministische Theologie. Ihre Examensarbeit schrieb sie über das Werk „In Memory of Her“ der nordamerikanischen katholischen Theologin Elizabeth Schüssler Fiorenza und deren Forschungen zur Rolle von Frauen im Neuen Testament. Später kam die Begeisterung für die politische Theologie Dorothee Sölles hinzu.
Nach dem Abitur in Rüsselsheim studierte die in Bensheim geborene Vera-Sabine Winkler Evangelische Theologie an der Johann Wolfgang von Goethe-Universität in Frankfurt am Main und an der Universität Hamburg. Ihr Studium schloss sie im Herbst 1987 mit dem Ersten Theologischen Examen ab. Es folgten das Vikariat im Mainzer Stadtteil Hechtsheim und 1989 das Zweite Theologische Examen. Danach absolvierte sie ein Spezialvikariat bei der Gossner Mission in Mainz. Im Jahr 1990 ordinierte die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau sie zur Pfarrerin.
Dissertation über die Bedeutung der Poesie für die Sprache der Liturgie
Ihre erste Pfarrstelle trat Frau Winkler zunächst auf einer Zweidrittelstelle in Mainz-Bischofsheim an und wechselte später auf eine volle Stelle in Mainz-Kostheim. Schon in dieser Zeit veröffentlichte sie erste theopoetische Texte. Es folgte über die Jahre hinweg eine Vielzahl von liturgischen und homiletischen Beiträgen in Büchern zur gottesdienstlichen Praxis.
Von 1995 bis 1999 arbeitete Vera-Sabine Winkler auf einer Sonderstelle der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau an der Justus-Liebig-Universität Gießen bei Prof Dr. Dr. h.c Hermann Deuser, der dort den Lehrstuhl für Systematische Theologie innehatte. In dieser Zeit befasste sie sich besonders mit der Ethik Albert Schweitzers, Theorien zur Frauenkirche und der Theopoesie der Psalmen.
Nach einer beruflichen Orientierungsphase, in der sie – angeregt durch ihren Lebensgefährten Dr. Wolfgang Klein – Meditation und Mystik als weitere, berufsbegleitende Interessengebiete für sich entdeckte, wirkte sie von 2002 bis 2008 in einem von zwei Pfarrämtern an der Bergkirche in Wiesbaden. Parallel dazu promovierte sie von 2005 bis 2009 an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal bei Prof. Dr. Günter Ruddat, der hier Praktische Theologie lehrte. Ihre Dissertation widmete sie der Bedeutung der Poesie für die Sprache der Liturgie am Beispiel des Lebens und Werks von Hilde Domin.
Immer bewusst Gemeindepfarrerin
Dem Gemeindepfarramt blieb Frau Winkler bewusst verbunden: Es habe ihr eine große Freiheit gegeben, um gemeinsam mit anderen ihr Verständnis von Glauben und Kirche lebendig werden zu lassen – etwa durch liturgischen Tanz, poetische Sprache im Gottesdienst, Literaturgottesdienste oder Meditation. Sie ist seit 2010 mit halber Stelle Pfarrerin in Gorxheimertal und war zugleich von 2010 bis 2014 Bildungsreferentin des Dekanats. In dieser Zeit arbeitete sie mit Kirchenvorständen zu Sprache und Liturgie, organisierte Ausstellungen im Haus der Kirche und bildete im Auftrag des Dekanats Prädikantinnen und Prädikanten aus.
Seit dem Abschluss ihrer Promotion wirkt die Pfarrerin zudem als Autorin und Referentin mit dem Schwerpunkt Theopoesie. Die Dichterin Hilde Domin habe einmal gesagt: „Schreiben ist wie Atmen, man stirbt, wenn man es lässt.“ Dieser Gedanke begleite auch ihr eigenes Leben. „Für mich ist die Poesie etwas, was mein Leben prägt und trägt. Von Kindesbeinen an“, sagt Winkler. Ihre Texte, Bilder und Bücher versteht sie als Ermutigung zum Leben. „Alle Texte, Bilder und Bücher haben zum Ziel, ihren Leserinnen und Lesern Mut zu machen zum Leben. Denn von der Theopoesie her gesehen kann uns schon ein einziges Wort, ein einziger Vers verbinden mit der Tiefe unserer Empfindungen und Träume. Und uns die Kraft geben, für mehr Frieden in uns, in der Beziehung zu anderen und zu allem Lebendigen einzustehen.“
Auch im Ruhestand bleibt der Odenwald für Vera-Sabine Winkler ihr Lebensmittelpunkt. Gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Wolfgang Klein wird sie weiterhin in Gorxheimertal wohnen. Und neben ihrer Naturverbundenheit und ihrer Freude am Musizieren auch in Zukunft versuchen, Glaube und Poesie miteinander zu verbinden.