Große Resonanz auf Lorscher Initiative „Lebenswert vor Ort“

veröffentlicht 19.08.2026 von mr, Ev. Dekanat Bergstraße

Mit rund 20 Teilnehmenden hatte die Evangelische Kirchengemeinde Lorsch gerechnet, mehr als 60 kamen zum Auftakt von „Lebenswert vor Ort“. Die Initiative will Menschen und bestehende Angebote vernetzen und neue Projekte starten.

Mit rund 20 Teilnehmenden hatte die Evangelische Kirchengemeinde Lorsch gerechnet. Doch dann mussten im Haus Emmaus immer weitere Stühle aufgestellt werden: Mehr als 60 Menschen kamen zur Auftaktveranstaltung der neuen Initiative „Lebenswert vor Ort“. Die große Resonanz überraschte und begeisterte die Verantwortlichen. Julia Braun und Gemeindepfarrer Renatus Keller stellten an diesem Abend die Idee vor, Menschen mit gemeinsamen Interessen zusammenzubringen, bestehende Angebote zu vernetzen und neue Projekte anzustoßen.

Unterstützung erhält die Initiative auch von der Stadt Lorsch. Bürgermeister Christian Schönung und Jana Lenhart, Leiterin des Kultur- und Tourismusbüros im Rathaus, begrüßen das Projekt und nahmen an der Auftaktveranstaltung teil. Auch die benachbarte Wingertsberg-Grundschule unterstützt „Lebenswert vor Ort“. Rektorin Jutta Rothfritz war ebenfalls unter den Gästen.

Keine Konkurrenz zu Vereinen

Wie groß die Bereitschaft zum Mitmachen ist, zeigte sich noch am selben Abend. Mehr als ein halbes Dutzend Menschen erklärten spontan, dass sie Braun und Keller bei der weiteren Arbeit unterstützen wollen. Wie sich „Lebenswert vor Ort“ künftig organisiert, ist dabei noch völlig offen. Ob etwa ein Arbeitskreis, ein Verein oder eine andere Struktur entsteht, sollen die Beteiligten gemeinsam entwickeln.

Fest steht dagegen das Ziel: „Lebenswert vor Ort“ will keine Konkurrenz zu bestehenden Vereinen und Initiativen schaffen. Vielmehr sollen diese eingebunden und miteinander vernetzt werden. Die Initiative versteht sich als Plattform, die Menschen, Ideen und bereits vorhandene Angebote zusammenführt. Eine Webseite soll dabei künftig als zentrale Anlaufstelle dienen.

Keller machte bei der Vorstellung zudem deutlich, dass es dem Projekt nicht um Parteipolitik geht. Zugleich will „Lebenswert vor Ort“ einen Beitrag zur Stärkung der Demokratie leisten. Menschen sollen miteinander in Kontakt kommen, sich austauschen und gemeinsam ihr Lebensumfeld gestalten. Bereits bei der Ankündigung hatte die Kirchengemeinde als Ziel formuliert, den „Beziehungswohlstand“ in Lorsch zu stärken – also Beziehungen zu fördern, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt und das Miteinander bereichern.

Bedarf besteht

Den Bedarf dafür erleben Braun und Keller an ganz unterschiedlichen Stellen. Keller berichtete von älteren Menschen, die ihn auf ihre Einsamkeit angesprochen hätten. Zugleich gebe es junge Familien, die nach Lorsch ziehen und trotz ihrer Kinder nur schwer Kontakte in der neuen Nachbarschaft knüpfen. Die Kirchengemeinde wolle deshalb Menschen miteinander ins Gespräch bringen und herausfinden, was sie brauchen und was sie selbst beitragen können.

Diesen Gedanken verfolgt die Gemeinde bereits mit dem Haus Emmaus. Das Familien- und Gemeindezentrum sollte von Anfang an nicht allein der evangelischen Gemeinde dienen, sondern für andere Menschen und Gruppen offenstehen. Das Konzept gehe auf, berichteten Braun und Keller. Das Haus sei stark gefragt und häufig ausgebucht.

Ein Vorbild für „Lebenswert vor Ort“ fand die Lorscher Gruppe in Reutlingen. Dort verfolgt eine evangelische Kirchengemeinde seit rund zehn Jahren eine ähnliche Idee. Eine Gruppe aus Lorsch besuchte die Jubiläumsveranstaltung und informierte sich über die Erfahrungen vor Ort. Aus zunächst acht Projekten seien inzwischen rund 70 geworden, berichtete Braun.

Netzwerk als Katalysator

Dabei entstand das Angebot in Reutlingen nicht am Schreibtisch. Die Verantwortlichen gingen in die Nachbarschaft und fragten die Menschen, was ihnen fehlt und was sie gerne gemeinsam auf die Beine stellen würden. Daraus entwickelten sich unter anderem Nachbarschaftsfeste, eine Nähwerkstatt, ein Malatelier, Tanzangebote und eine IT-Gruppe. Ehrenamtlich Engagierte bringen ihre Fähigkeiten ein, während das Netzwerk Menschen mit ähnlichen Interessen zusammenführt.

Genau dieses Prinzip soll auch in Lorsch gelten. Wer etwas sucht, kann sich ebenso melden wie jemand, der selbst etwas anbieten möchte. Denkbar sind Nachhilfe, gemeinsame Freizeitaktivitäten oder generationsübergreifende Hilfe. Braun nannte als Beispiel ältere Menschen, die Unterstützung am Computer benötigen, und junge Familien, die sich eine „Leihoma“ oder einen „Leihopa“ wünschen. Ebenso könnten Menschen eine Gruppe gründen oder ein Hobby mit anderen teilen.

Wie schnell aus einer solchen Vernetzung etwas Konkretes entstehen kann, zeigte sich bereits bei der Auftaktveranstaltung. Rektorin Jutta Rothfritz nannte die Suche der Wingertsberg-Grundschule nach Lesepatinnen und Lesepaten als Beispiel für eine mögliche Zusammenarbeit von Schule und Stadtgesellschaft. Ein solches Anliegen könnte künftig über „Lebenswert vor Ort“ verbreitet werden. Doch in diesem Fall brauchte es die geplante Plattform gar nicht mehr: Noch am selben Abend erklärten sich zwei Frauen spontan bereit, als Lesepatinnen an der Schule mitzumachen.

Sichtbare Erfolge

Auch das Reutlinger Vorbild liefert Beispiele für solche direkten Hilfen. Braun berichtete von einem Mädchen, das vor seinem Hauptschulabschluss Unterstützung benötigte. Über das Netzwerk fand sich eine Frau, die Nachhilfe gab. Das Mädchen bestand den Abschluss erfolgreich und engagiert sich inzwischen selbst.

In Lorsch gibt es ebenfalls schon Angebote, an die das neue Netzwerk anknüpfen kann. Braun berichtete etwa von einer Nähgruppe im Haus Emmaus, die nach einer Pause wieder starten soll. Zugleich verwiesen Braun und Keller auf zahlreiche Vereine, Initiativen und Einrichtungen in der Stadt. „Lebenswert vor Ort“ soll deren Arbeit nicht ersetzen, sondern Kontakte erleichtern und Kooperationen fördern.

Hinter dem Projekt steht auch die Beobachtung, dass sich Menschen nach persönlichen Begegnungen sehnen. Digitale Netzwerke erleichterten zwar den Austausch, könnten aber das gemeinsame Erleben nicht ersetzen, hieß es bei der Vorstellung. Gemeinschaft tue gut. „Lebenswert vor Ort“ soll deshalb zu einer Anlaufstelle werden, bei der Menschen mit einer Idee ebenso richtig sind wie jene, die Anschluss oder ein passendes Angebot suchen.

Vielversprechender Auftakt

Welche Projekte daraus entstehen, wollen die Verantwortlichen bewusst nicht vorgeben. Die Erfahrungen aus Reutlingen hätten gezeigt, dass ein Netzwerk wachsen könne, wenn es konkrete Wünsche und Fähigkeiten aufgreift. Der Auftakt im Haus Emmaus lieferte dafür erste Anzeichen: mehr als 60 Interessierte, zusätzliche Mitstreitende für das Organisationsteam – und zwei neue Lesepatinnen, bevor die Initiative überhaupt richtig gestartet ist.

Weitere Informationen zu „Lebenswert vor Ort“ erteilen Julia Braun unter Telefon 06251 589333 und per E-Mail an lebenswert(at)evkirchelorsch.de sowie Renatus Keller unter Telefon 0176 99362719 und per E-Mail an Renatus.Keller(at)online.de.