Mit einem klaren Bekenntnis zur Vielfalt und einer selbstkritischen Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte hat sich die Evangelische Kirche am zweiten CSD Bergstraße in Bensheim beteiligt. Pfarrer Dr. Dominik Weyl aus Groß-Rohrheim sprach am Samstag als Vertreter der Evangelischen Kirche der Region. Seine zentrale Botschaft lautete: „Es gibt keine Ausnahme von Gottes Liebe.“ Zugleich erinnerte Weyl daran, dass Kirchen queere Menschen über lange Zeit ausgegrenzt und verletzt haben. Die Kirche habe daraus lernen müssen – und dieser Lernprozess sei noch nicht abgeschlossen.
Weyl ist Pfarrer in Groß-Rohrheim und Mitglied des Dekanatssynodalvorstands des Evangelischen Dekanats Bergstraße. Bei seiner Ansprache verwies er darauf, dass Menschen aus Kirchengemeinden und der Evangelischen Jugend beim CSD dabei seien. Unter ihnen seien Menschen aus der queeren Community ebenso wie Menschen, die sich mit ihr solidarisch zeigen. Sie verbinde die Überzeugung, „es gibt keine Ausnahme von Gottes Liebe“.
Die Bibel missverstanden
Dass ein Vertreter der Kirche diese Botschaft heute bei einem Christopher Street Day ausspricht, nahm Weyl ausdrücklich nicht als selbstverständlich hin. Denn die Kirche habe diese Haltung keineswegs immer vertreten. Es habe in ihrer Geschichte sehr wohl ein „Ja, aber“ gegeben. Die Bibel sei missverstanden worden. Menschen sei vermittelt worden, dass sie in der Kirche keinen Platz hätten.
Weyl benannte die Folgen mit deutlichen Worten: „Als hätten wir nie diskriminiert, verletzt, verloren. Das alles gab es. Zu lange. Und es ist unsere Schuld.“ Damit stellte er die heutige Teilnahme am CSD ausdrücklich in den Zusammenhang mit der Verantwortung der Kirche für die Ausgrenzung queerer Menschen.
Inzwischen habe in der Kirche ein Lernprozess eingesetzt, sagte Weyl. Ausgangspunkt dafür sei eine zentrale christliche Überzeugung: „Gott ist Liebe.“ Daraus folge, dass Gottes Liebe keinen Menschen ausschließe. Die Kirche lerne neu, was eigentlich immer gegolten habe. Deshalb seien alle Menschen in ihr willkommen. „Unsere Kirche lernt das. Sie glaubt das. Und bekennt sich dazu. Sie will es leben“, sagte Weyl.
EKHN erkennt Vielfalt an und fördert sie
Dabei verwies der Pfarrer auch auf das Schuldbekenntnis der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. Darin verpflichtet sich die EKHN, die Vielfalt von Geschlechtern, sexuellen Orientierungen und Lebensweisen anzuerkennen und zu fördern. Ebenso verpflichtet sie sich dazu, öffentlich für die Anerkennung dieser Vielfalt einzutreten. „Wir sind da“, fasste Weyl diesen Anspruch mit Blick auf den CSD zusammen.
Weyl machte zugleich deutlich, dass die Kirche nicht für sich beanspruchen könne, queeren Menschen erst einen Platz gewähren zu müssen. Manche seien längst Teil der Kirche. Andere hätten sich ihren Platz in Gemeinden und kirchlichen Strukturen erkämpfen müssen. Deshalb könne er verstehen, wenn Menschen aus der Community heute sagten, dass sie die Einladung der Kirche nicht mehr benötigten.
Auch seine eigene Rolle als Redner auf dem CSD reflektierte Weyl. „Hier zu reden, auf dem CSD, als Vertreter der Kirche, ist nicht selbstverständlich“, sagte er. Die Einladung der Kirche an queere Menschen verband er deshalb mit einer weiteren Zusage: „Wir sagen: Du bist herzlich willkommen. Und wir sind bereit, uns durch dich verändern zu lassen.“
“Wir sind noch nicht fertig”
Diese Bereitschaft zur Veränderung sei entscheidend. Ein Willkommen allein reiche nicht aus. Weyl verdeutlichte das mit dem Motto der queersensiblen Regenbogen-Gottesdienste in Groß-Rohrheim: „All are welcome.“ Er fügte jedoch hinzu: „Welcome is only the beginning.“ Die Kirche müsse weiterhin von queeren Menschen lernen. „Wir sind noch nicht fertig“, sagte Weyl.
Am Ende seiner Ansprache kehrte er deshalb zu seiner Kernbotschaft zurück: „Es gibt keine Ausnahme von Gottes Liebe. Niemanden.“ Weyl dankte den Menschen beim CSD dafür, dass die Kirche an diesem Tag dabei sein und ihre Botschaft einbringen durfte.
Das Evangelische Dekanat Bergstraße und die Evangelische Jugend im Dekanat Bergstraße beteiligten sich mit mehreren Angeboten am zweiten CSD Bergstraße. Bereits am Vorabend gestalteten kirchliche Akteure gemeinsam einen Gottesdienst unter dem Leitgedanken „Kirche l(i)ebt Vielfalt“. Kooperationspartner waren der Caritasverband Darmstadt, der Bund der Deutschen Katholischen Jugend Bergstraße, das Katholische Jugendbüro Südhessen, die Regionale Diakonie Südhessen, die katholische Pfarrei Heilig Geist Bergstraße und die evangelische Stephanusgemeinde.
Am Samstag gehörte die Evangelische Jugend außerdem zu den Beteiligten eines ökumenischen Informations- und Mitmachstandes beim Vielfaltsfest auf dem Beauner Platz. Auch beim Demonstrationszug durch die Bensheimer Innenstadt waren kirchliche Teilnehmende unter dem Leitgedanken „Kirche l(i)ebt Vielfalt“ vertreten.
Mit Gottesdienst, Informationsstand, Teilnahme am Demonstrationszug und Weyls Ansprache verband die kirchliche Beteiligung damit das öffentliche Eintreten für Vielfalt mit dem Blick auf die eigene Geschichte. Weyls Rede machte deutlich, dass dieses Engagement aus seiner Sicht nicht bei der Zusage stehen bleiben darf, queere Menschen seien willkommen. Kirche müsse zugleich anerkennen, wo sie Menschen ausgegrenzt hat, weiter lernen und bereit sein, sich verändern zu lassen.