Abschied von der Evangelischen Kirche Nieder-Liebersbach

veröffentlicht 22.10.2026 von mr, Ev. Dekanat Bergstraße

Nach mehr als 60 Jahren endet die kirchliche Nutzung der Evangelischen Kirche Nieder-Liebersbach. Am Sonntag, 25. Oktober lädt, die Kirchengemeinde zu einem Entwidmungsgottesdienst ein. Für das Gebäude zeichnet sich möglicherweise eine neue Perspektive ab.

Mehr als sechs Jahrzehnte lang war die Evangelische Kirche Nieder-Liebersbach ein Ort des Glaubens, der Begegnung und der Gemeinschaft. Hier feierten Menschen Gottesdienste, Taufen, Konfirmationen und Trauungen, nahmen Abschied von Verstorbenen und kamen zu zahlreichen Veranstaltungen zusammen. Nun endet die kirchliche Nutzung des Gotteshauses: Für Sonntag, 25. Oktober, lädt die Evangelische Kirchengemeinde um 15 Uhr zu einem Gottesdienst ein, in dessen Rahmen die Kirche offiziell entwidmet wird. Die Predigt hält Dekanin Sonja Mattes, die Liturgie gestaltet Pfarrer Marcel Albert.

Hintergrund der Entscheidung sind veränderte finanzielle und strukturelle Rahmenbedingungen. Ab 2027 erhält die Kirchengemeinde für das Gebäude keine finanziellen Zuweisungen der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) mehr. Gleichzeitig ist die Zahl der Menschen, die regelmäßig die Gottesdienste in Nieder-Liebersbach besuchen, stark zurückgegangen. Der Kirchenvorstand musste sich deshalb mit der Zukunft des Gebäudes auseinandersetzen. Inzwischen gibt es Interesse an einer künftigen diakonischen Nutzung. Eine entsprechende Möglichkeit wird derzeit geprüft.

Mehr als sechs Jahrzehnte Gemeindeleben

Mit der Entwidmung endet die Geschichte eines Gotteshauses, dessen Anfänge bis in die 1960er-Jahre zurückreichen. Nachdem Nieder-Liebersbach 1963 dem Kirchspiel Reisen zugeordnet worden war, entstand der Wunsch nach einem eigenen kirchlichen Mittelpunkt. Im November 1964 legte die Gemeinde den Grundstein für den Neubau. Bereits am 19. Dezember 1965 konnte die Kirche eingeweiht werden.

Das Gebäude war von Anfang an nicht ausschließlich als Gottesdienstraum konzipiert. Vielmehr sollte es nach den damaligen Vorstellungen Kirche und Gemeindehaus zugleich sein und damit auch Raum für das gesellschaftliche Leben bieten. Zunächst erhielt die Kirche eine Glocke, später kamen zwei weitere hinzu.

Im Laufe der Jahrzehnte entwickelte sich das Gotteshaus zu einem festen Bestandteil des örtlichen Gemeindelebens. Neben Gottesdiensten fanden dort unter anderem Gemeindefeste, ökumenische Begegnungen, Frauenkreise, Veranstaltungen des Besuchsdienstes und die Konfirmandenarbeit statt. Pfarrerinnen und Pfarrer wechselten, kirchliche Strukturen veränderten sich und immer wieder übernahmen Menschen ehrenamtlich Verantwortung für ihre Gemeinde.

Auch das Gebäude selbst wurde mehrfach erneuert und weiterentwickelt. Ein besonderes gestalterisches Element ist das große Kirchenfenster im Treppenhaus. Es wurde 2001 eingebaut und orientiert sich an Psalm 104, dem biblischen Lob des Schöpfers.

Raum für Erinnerungen und Dankbarkeit

Wie eng die Menschen mit ihrer Kirche verbunden waren, verdeutlicht ein Satz aus der Festschrift zum 50-jährigen Bestehen, das die Gemeinde 2015 feierte: „Kommt herein, kommt herein… unsre Kirche lädt Euch ein!“ Diese Einladung stand sinnbildlich für das Selbstverständnis eines Hauses, das über Generationen hinweg Menschen zusammenführte.

Mit dem bevorstehenden Abschied verbindet die Kirchengemeinde deshalb nicht nur den Rückblick auf die Geschichte eines Gebäudes. Im Mittelpunkt stehen vor allem die persönlichen Erinnerungen der Menschen: an die Taufe der eigenen Kinder, die Konfirmation, eine Hochzeit, einen Weihnachtsgottesdienst oder einen Moment, in dem Musik, Gebet und Gemeinschaft Trost spendeten.

Der Entwidmungsgottesdienst soll Raum für diese Erinnerungen bieten. Dankbarkeit und Wehmut sollen dabei ebenso ihren Platz haben wie Hoffnung und Zuversicht. Die Kirchengemeinde lädt ausdrücklich dazu ein, persönliche Geschichten und Erinnerungen mitzubringen und gemeinsam auf die vergangenen Jahrzehnte zurückzublicken.

Kirchliches Leben soll im Ort weitergehen

Die Entwidmung bedeutet, dass das Gebäude künftig nicht mehr für kirchliche und gottesdienstliche Zwecke genutzt wird. Das kirchliche Leben in Nieder-Liebersbach soll damit jedoch keineswegs enden. Vielmehr möchte die Evangelische Kirchengemeinde auch künftig vor Ort präsent bleiben und die Verbindung zu den Menschen aufrechterhalten. Dazu sollen Begegnungen und verschiedene Angebote ebenso beitragen wie die Zusammenarbeit mit den örtlichen Vereinen und die ökumenische Gemeinschaft.

Der Abschied von der Kirche soll deshalb zugleich den Blick auf neue Perspektiven eröffnen. Im Gottesdienst möchte die Gemeinde für die gemeinsame Vergangenheit danken und um Gottes Segen für die Zukunft bitten.

An der Gestaltung der Feier wirken neben Dekanin Sonja Mattes und Pfarrer Marcel Albert auch Mitglieder des Kirchenvorstands sowie weitere Menschen aus der Gemeinde mit. Für die musikalische Begleitung sorgen der Posaunenchor Fürth-Birkenau unter der Leitung von Gerd Drenger, die von Rosemarie Bernhard geleitete Flötengruppe sowie Kirchenmusiker Till Otto an der Orgel.

Mit dem Gottesdienst am 25. Oktober öffnet die Evangelische Kirche Nieder-Liebersbach noch einmal ihre Türen für alle, die sich mit dem Gotteshaus verbunden fühlen und gemeinsam Abschied nehmen möchten.