Carsten Tag: „Ein Mensch bleibt Mensch, auch wenn er schwach wird“

veröffentlicht 21.09.2026 von mr, Ev. Dekanat Bergstraße

Die Würde eines Menschen hängt nicht von Leistung, Gesundheit oder Selbstständigkeit ab. Das betonte Diakonie-Vorstand Carsten Tag beim Diakoniesonntag in Wald-Michelbach. Im Mittelpunkt standen Hospizarbeit, Pflege und Begleitung am Lebensende.

Wie können Menschen bis zum Ende ihres Lebens in Würde leben? Um diese Frage ging es beim Diakoniesonntag der Diakonie Hessen, den das Evangelische Dekanat Bergstraße und die Evangelische Kirchengemeinde Überwald am Sonntag mit einem Gottesdienst sowie einem sich anschließendem Empfang in der evangelischen Kirche in Wald-Michelbach feierten. Unter dem Motto „Lebenswert bis zum Ende“ standen Hospizarbeit, Palliativversorgung und Seelsorge im Mittelpunkt. Die Predigt hielt Pfarrer Carsten Tag, Vorstandsvorsitzender der Diakonie Hessen.

Tag stellte die unverlierbare Würde des Menschen ins Zentrum seiner Predigt. Krankheit, Pflegebedürftigkeit, Abschied und Sterben führten zu Erfahrungen, denen Menschen nicht ausweichen könnten. Gerade dann brauche es „Nähe, Verlässlichkeit, Zeit und die Gewissheit, nicht aus dem Leben herauszufallen“, sagte der Theologe.

Eine existenzielle Frage

In einer Gesellschaft, die den Wert eines Menschen häufig mit Leistung, Produktivität, Gesundheit und Selbstständigkeit verbinde, könne die Erfahrung eigener Schwäche existenzielle Fragen aufwerfen. Was bleibe von einem Menschen, wenn er nicht mehr leisten könne? Sei er noch wichtig, wenn er auf andere angewiesen sei? Aus christlicher Sicht sei die Antwort eindeutig, führte Tag aus: „Die Würde eines Menschen entsteht nicht aus seiner Leistung.“ Sie wachse nicht mit Erfolg und schwinde nicht mit Krankheit.

Am Lebensende gewinne diese Haltung besondere Bedeutung. Schwer kranke und sterbende Menschen wollten nicht auf eine Diagnose oder ihre Pflegebedürftigkeit reduziert werden. Sie wollten mit ihrer Geschichte, ihren Beziehungen, Hoffnungen und Erfahrungen wahrgenommen werden.

Ehrenamt gewürdigt

Tag würdigte deshalb besonders die ehrenamtlich Engagierten in der Hospizarbeit. Auch etliche Ehrenamtliche des Hospizdienstes Odenwald nahmen an dem Gottesdienst teil. Sie stünden für eine Haltung, die die Gesellschaft brauche, sagte Tag. „Sie gehen nicht weg, wenn ein Leben zerbrechlich wird. Sie bleiben. Sie hören zu. Sie halten aus.“ Ihr Dienst geschehe häufig im Verborgenen, könne für die begleiteten Menschen aber viel verändern.

Ausgehend von einem Abschnitt aus dem zweiten Timotheusbrief beschrieb Tag drei Gaben des Geistes Gottes: Kraft, Liebe und Besonnenheit. Kraft zeige sich dabei nicht in Überlegenheit. Sie werde etwa in der Hingabe von Angehörigen, der Geduld von Pflegekräften und der Treue ehrenamtlicher Hospizbegleiterinnen und Hospizbegleiter sichtbar. Liebe schaffe Verbindung. In der Hospizarbeit werde sie ganz konkret, wenn Menschen Zeit schenkten, eine Hand hielten, einer Geschichte zuhörten, beteten oder gemeinsam ein Lied sängen.

Gute Pflege gibt's nicht umsonst

Mit der Besonnenheit schlug Tag den Bogen zur gesellschaftlichen Verantwortung. Wer über ein lebenswertes Leben und die Würde des Menschen spreche, müsse auch die Bedingungen in den Blick nehmen, unter denen Menschen leben. Dabei griff er die Kritik der Diakonie Hessen am geplanten Pflegeneuordnungsgesetz auf. Der Verband warnt davor, dass bewährte Unterstützungsangebote geschwächt und die Rahmenbedingungen professioneller Pflege verschlechtert werden könnten. Gute Pflege brauche qualifiziertes Personal, verlässliche Strukturen und eine faire Finanzierung, betonte Tag.

Hinter solchen Debatten stünden keine abstrakten Systeme, sondern Menschen. Es gehe um ältere Menschen, pflegende Angehörige, Menschen mit Behinderungen sowie Kranke und Sterbende. Der Sozialstaat sei keine bloße Kostenstelle, sondern eine wichtige Grundlage für Teilhabe, Solidarität und gesellschaftlichen Zusammenhalt, machte Tag deutlich.

Niemand darf alleinbleiben

Aus der christlichen Vorstellung von der unverlierbaren Würde jedes Menschen leitete Tag konkrete Konsequenzen ab. Menschen dürften am Ende ihres Lebens nicht alleinbleiben. Es brauche gute Pflege, verlässliche Beratung sowie erreichbare Hospiz- und Palliativangebote. Die Würde des Menschen verwirkliche sich nicht allein in Grundsätzen, sondern im konkreten Beistand: in einer Pflegekraft, die Zeit habe, in Angehörigen, die Unterstützung fänden, und in Ehrenamtlichen, die kämen und blieben.

Zugleich verband Tag das Thema mit der christlichen Hoffnung über den Tod hinaus. Christinnen und Christen nähmen Abschied, Schmerz und Trauer ernst. Sie vertrauten aber darauf, dass der Tod nicht das letzte Wort habe. Aus dieser Hoffnung lebe auch die diakonische Hospizarbeit. Menschen würden nicht begleitet, weil sich der Tod verhindern lasse, sondern aus der Überzeugung heraus, dass Gottes Liebe stärker sei als die Endlichkeit.

Viele Akteure

Die Liturgie des Gottesdienstes gestalteten Dekanin Sonja Mattes und ihre Stellvertreterin Silke Bienhaus. Ute Gölz, Präses des Evangelischen Dekanats Bergstraße und Mitglied des Kirchenvorstands der Evangelischen Kirchengemeinde Überwald, begrüßte die Gemeinde. An den Fürbitten wirkten neben bereits Genannten auch Gemeindepfarrerin Martina Beyer sowie Verantwortliche des Hospizdienstes mit. Für diesen nahmen Leiterin Felicia Schöner und Koordinatorin Ivonne Hensel am Gottesdienst teil. Sonja Heiligenthal wirkte als Küsterin mit.

Musikalisch gestaltete der Kirchenchor der Evangelischen Kirchengemeinde Überwald den Gottesdienst. Unter der Leitung von Werner Marquard sang er Teile aus der „Missa Brevis“ von Josef Rheinberger. Marquard begleitete zudem an Klavier und Orgel.

Dass der Diakoniesonntag in diesem Jahr in Wald-Michelbach stattfand, war bewusst gewählt. Dort befindet sich die Geschäftsstelle des Hospizdienstes Odenwald, dessen Träger das Evangelische Dekanat Bergstraße ist. Der ambulante Hospizdienst begleitet schwer kranke und sterbende Menschen sowie deren Angehörige.

Der Diakoniesonntag bietet jedes Jahr Gelegenheit, die soziale Arbeit von Kirche und Diakonie stärker ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. In diesem Jahr lenkte er den Blick besonders auf Menschen in ihrer letzten Lebensphase und auf diejenigen, die sie haupt- oder ehrenamtlich begleiten.

Unter den Gästen waren auch Stefan Doetsch, Vorsitzender der Gemeindevertretung Wald-Michelbach, sowie Mitglieder des Lions Club Überwald-Weschnitztal. Der Lions Club ist dem Hospizdienst Odenwald als Förderer verbunden. Doetsch und die Mitglieder des Lions Clubs nahmen sowohl am Gottesdienst als auch am anschließenden Empfang teil.

Nach dem Gottesdienst lud das Dekanat zum Empfang ein. Bei Sekt sowie Chili sin Carne und Chili con Carne kamen die Teilnehmenden miteinander ins Gespräch. Die beiden Gerichte hatte Sophie Roß, Mitarbeiterin der Dekanatsverwaltung, zubereitet.

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