Für Joshua van der Linden beginnt ein neuer Abschnitt auf seinem beruflichen und persönlichen Lebensweg: Am Sonntag, 25. Oktober, wird der 32-jährige Theologe um 10 Uhr in der Evangelischen Laurentiuskirche in Seeheim zum Pfarrer ordiniert und offiziell in seinen Dienst in der Evangelischen Gesamtkirchengemeinde Bergstraße Nord eingeführt. Die Ordination und Einführung übernehmen Pfarrer Stephan Arras, Propst der Propstei Starkenburg, und Ute Gölz, Präses des Evangelischen Dekanats Bergstraße.
Der Gottesdienst steht unter dem Leitgedanken aus dem ersten Petrusbrief: „Dient einander jeder mit der Gabe, die er erhalten hat. So erweist ihr euch als gute Verwalter der Gnade, die Gott vielfältig schenkt“ (1. Petrus 4,10). Zum Gottesdienst und dem anschließenden Empfang laden Franziska Siebel, Vorsitzende des Kirchenvorstands, und Gemeindepfarrer Christoph Sames ein.
Für den jungen Seelsorger ist die nördliche Bergstraße keineswegs unbekanntes Terrain. Bereits seit Anfang Juli war er dort vertretungsweise tätig, unterbrochen durch eine einmonatige Elternzeit. Zum 1. September trat er offiziell seinen Dienst in der Gesamtkirchengemeinde an. Auch zuvor war van der Linden immer wieder bei kirchenmusikalischen Veranstaltungen in der Region anzutreffen. Seine Ehefrau Friederike van der Linden arbeitet als Kirchenmusikerin im Nachbarschaftsraum. So hatte er bereits Gelegenheit, Menschen und kirchliches Leben vor Ort kennenzulernen, bevor feststand, dass er selbst dort eine Pfarrstelle übernehmen würde.
Von der Informatik zur Theologie
Dass Joshua van der Linden einmal Pfarrer werden würde, war allerdings keineswegs von Anfang an vorgezeichnet. Geboren wurde er in Pforzheim. Als er sechs Jahre alt war, zog die Familie mit ihm und seinen beiden Brüdern nach Fernwald bei Gießen. Als mittleres von drei Kindern wuchs er in einem Elternhaus auf, in dem der christliche Glaube seinen Platz hatte. Religiöse Erfahrungen sammelte er außerdem in der Schule, nicht zuletzt durch das Singen im Schulchor. Abgesehen von seiner Konfirmandenzeit hatte er zunächst jedoch nur wenige unmittelbare Berührungspunkte mit dem kirchlichen Gemeindeleben.
Seine Interessen lagen lange Zeit auf anderen Gebieten. Besonders Computer und Technik hatten es ihm angetan. Deshalb wollte er nach dem Abitur ursprünglich Informatik studieren. Dass es anders kam, hatte wesentlich mit seinem Religionsunterricht in der Oberstufe zu tun. Die intensive Auseinandersetzung mit theologischen Fragen weckte seine Neugier: Was lässt sich über Gott sagen? Wie verhalten sich Glaube und menschliches Leben zueinander? Welche Antworten bietet die christliche Tradition auf grundlegende Fragen der menschlichen Existenz? Wenn Gott vollkommen ist, warum gibt es in dieser Welt so viel Leid?
Diese Beschäftigung führte ihn 2013 zunächst zum Theologiestudium nach Marburg. Ganz verabschiedet hatte er sich von seiner ursprünglichen Leidenschaft allerdings noch nicht. Aus privaten Gründen unterbrach er das Studium und widmete sich zwei Jahre lang doch noch der Informatik. Schließlich entschied er sich endgültig für die Theologie und setzte seine Ausbildung an der Universität Tübingen fort. Dort lernte er auch seine spätere Ehefrau Friederike kennen.
Archäologische Ausgrabungen am See Genezareth
Während seines Studiums entwickelte van der Linden ein besonderes Interesse an der Judaistik und der biblischen Archäologie. Beide Fachgebiete eröffneten ihm neue Zugänge zur Geschichte und zur Lebenswelt der Menschen, von denen die biblischen Texte erzählen. Besonders prägend war für ihn die Gelegenheit, an zwei archäologischen Ausgrabungen am See Genezareth in Israel mitzuwirken.
Dort beschäftigte er sich unter anderem mit der Frage, wie Menschen in der Eisenzeit lebten und wovon sie sich ernährten. Die archäologischen Funde ermöglichten interessante Vergleiche zwischen den überlieferten biblischen Vorschriften und dem tatsächlichen Alltag der damaligen Bevölkerung. So fanden sich beispielsweise Hinweise auf den Verzehr von Schweinefleisch, obwohl dieses in den alttestamentlichen Speisevorschriften als unrein gilt. Für den angehenden Theologen waren solche Entdeckungen eine besondere Erfahrung: Sie zeigten, wie historische Forschung das Verständnis biblischer Überlieferungen erweitern und neue Fragen aufwerfen kann.
Praktische Ausbildung im Lautertal
Nach seinem ersten theologischen Examen begann Joshua van der Linden im September 2024 sein Vikariat in der Evangelischen Kirchengemeinde Gadernheim. Dort begleitete ihn Pfarrerin Marion Mühlmeier als Lehrpfarrerin durch den praktischen Teil seiner Ausbildung. In den folgenden knapp zwei Jahren lernte er die unterschiedlichen Aufgaben eines Gemeindepfarrers kennen und übernahm zunehmend selbst Verantwortung.
Dazu gehörten Gottesdienste und Predigten ebenso wie Religionsunterricht an der Grundschule, die Arbeit mit Konfirmandinnen und Konfirmanden sowie Projekte in der Kindertagesstätte. Er gestaltete Kindergottesdienste, hielt Andachten im Seniorenheim Haus Elisabeth und beteiligte sich am Gemeindeleben. Dabei lernte er auch die enge Verbindung zwischen Kirche und örtlichen Vereinen kennen, die sich unter anderem in gemeinsamen Gottesdiensten bei Festen und zur Kerb zeigte.
Einen besonderen Stellenwert nahm die seelsorgerische Begleitung von Menschen ein. Bei Taufen, Trauungen und Bestattungen begegnete van der Linden ganz unterschiedlichen Lebenssituationen. Freude über einen neuen Lebensabschnitt, persönliche Sorgen, Abschied und Trauer gehören gleichermaßen zum Pfarrberuf. Menschen in solchen Momenten zur Seite zu stehen, ist für ihn ein wesentlicher Bestandteil seiner Berufung.
Wichtig waren ihm während des Vikariats auch die regelmäßigen Gespräche mit seiner Lehrpfarrerin. Gemeinsam reflektierten sie Unterrichtsstunden, Gottesdienste und seelsorgerische Begegnungen. So konnte van der Linden seine Erfahrungen einordnen und zunehmend Sicherheit für die eigenständige Arbeit gewinnen. Nach dem erfolgreich bestandenen zweiten theologischen Examen endete seine Ausbildungszeit im Juni dieses Jahres. Mit einem Gottesdienst verabschiedete ihn die Gadernheimer Gemeinde.
Freude an komplexen Herausforderungen
Neben seiner theologischen Arbeit hat sich der künftige Gemeindepfarrer einige Interessen aus früheren Jahren bewahrt. Lange Zeit engagierte er sich bei der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG). Dort war er nicht nur selbst begeisterter Schwimmer, sondern brachte auch anderen Menschen das Schwimmen bei.
In seiner Freizeit beschäftigt er sich außerdem gerne mit Brett- und Videospielen. Dabei bevorzugt er anspruchsvolle Varianten, die komplexe Zusammenhänge, strategisches Denken und einen längeren Atem verlangen. Seine Begeisterung für Computer und Technik ist ebenfalls geblieben, auch wenn er sich beruflich letztlich für einen anderen Weg entschieden hat.
Mit der neuen Aufgabe an der nördlichen Bergstraße erfüllt sich für van der Linden nun der Wunsch, dauerhaft als Gemeindepfarrer tätig zu sein. Nach den Jahren des Studiums und der praktischen Ausbildung freut er sich darauf, gemeinsam mit den Menschen vor Ort kirchliches Leben in seinen unterschiedlichen Formen zu gestalten, bestehende Kontakte zu vertiefen und weitere Gemeindeglieder kennenzulernen.
Die Ordination am 25. Oktober markiert dabei einen besonderen Schritt. Mit ihr wird van der Linden öffentlich zum Dienst der Wortverkündigung und Sakramentsverwaltung berufen und für seinen weiteren Weg als Pfarrer gesegnet. Der biblische Leitgedanke des Festgottesdienstes stellt die unterschiedlichen Begabungen der Menschen und ihren Dienst füreinander in den Mittelpunkt. Damit greift er zugleich einen wesentlichen Gedanken kirchlichen Gemeindelebens auf: Jede und jeder kann mit den eigenen Fähigkeiten dazu beitragen, Gemeinschaft zu gestalten.
Im Anschluss an den Gottesdienst bietet ein Empfang Gelegenheit, Joshua van der Linden persönlich zu begegnen und mit ihm ins Gespräch zu kommen.