Wenn ein Mensch plötzlich stirbt, ein schwerer Unfall geschieht oder eine andere Katastrophe das Leben von einer Sekunde auf die andere verändert, sind sie zur Stelle: die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Notfallseelsorge Bergstraße. Seit einem Vierteljahrhundert stehen sie Menschen in solchen Ausnahmesituationen bei. Ihr 25-jähriges Bestehen feierte Organisation jetzt mit einem Festgottesdienst in der Evangelischen Christuskirche Heppenheim und einem anschließenden Empfang.
Gemeindereferent Michael Held vom Katholischen Bistum Mainz, der gemeinsam mit Christine Burg-Seibel vom Evangelischen Dekanat Bergstraße das Koordinatoren-Team bildet, erinnerte an die Entstehung der Einrichtung. Den Anstoß hatten 1998 das Zugunglück im niedersächsischen Eschede und ein Busunglück an der Bergstraße gegeben. Aus einem Arbeitskreis unter Beteiligung von Rettungsdiensten und evangelischer Kirche entwickelte sich die Notfallseelsorge. Am 29. Mai 2001 wurden die ersten 36 Ehrenamtlichen in einem ökumenischen Gottesdienst beauftragt. Am 1. Juni nahm die Einrichtung ihre Arbeit auf.
Erinnerungen an den ersten Einsatz
An diesen ersten Arbeitstag erinnerte Pfarrerin im Ruhestand Barbara Tarnow, die die Notfallseelsorge mitgegründet und viele Jahre geleitet hatte, in ihrer Predigt. Um 8.15 Uhr habe die Leitstelle angerufen. Gemeinsam mit ihrem Kollegen Hans-Peter Schneider sei sie zu einer Familie gefahren, deren Mutter, eine Frau Ende 30, plötzlich gestorben war. Zurück blieben ihr Ehemann, zwei Kinder im Alter von zehn und zwölf Jahren sowie die Eltern der Verstorbenen.
Besonders eindrücklich schilderte Tarnow die Begegnung mit der jüngeren Tochter. Das Mädchen habe herzzerreißend geweint und gefragt, ob es nichts gegen diesen Schmerz gebe. Tarnow habe ihr geantwortet, dass Weinen helfen könne. Später habe das Kind begonnen, von seiner Mutter zu erzählen. Während ihr Kollege die übrige Familie begleitete, blieb sie bei dem Mädchen. Schließlich beteten alle gemeinsam im Schlafzimmer der Verstorbenen.
Seit damals sei die Notfallseelsorge erwachsen geworden, stellte Tarnow fest. Aus einer zunächst nicht überall akzeptierten Einrichtung sei ein unverzichtbarer Bestandteil der Rettungskette geworden. Die Alarmierungen erfolgten heute früher, die Einsatzzahlen stiegen und viele Situationen seien komplexer. Trotz des Wegfalls einer halben evangelischen Fachstelle stehe die Einrichtung dank der kontinuierlichen Beteiligung der katholischen Kirche sowie der finanziellen Unterstützung durch Landkreis und Förderverein auf tragfähigen Füßen. Held erläuterte, dass der Landkreis inzwischen einen Viertelstellenanteil für die Koordination finanziere, den Christine Burg-Seibel ausfülle.
Zu den Gästen des Festgottesdienstes zählten Pfarrerin Ulrike Scherf, stellvertretende Kirchenpräsidentin der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), Dekanin Sonja Mattes, Ute Gölz, Präses des Evangelischen Dekanats Bergstraße, sowie der Bergsträßer Bundestagsabgeordnete Michael Meister. Held begrüßte zudem zahlreiche Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Kirchen, Polizei, Feuerwehr, Katastrophenschutz sowie Hilfs- und Rettungsorganisationen.
Eine aktive Rolle im Gottesdienst übernahm auch Pfarrerin Silke Bienhaus, Dekanin in Stellvertretung, die innerhalb der Dekanatsleitung für die Notfallseelsorge zuständig ist. Sie wirkte an der Liturgie mit und beauftragte neue Ehrenamtliche: Einige entsandte sie nach abgeschlossener Ausbildung in die Hospitanz, weitere wurden nach erfolgreich absolvierter Ausbildung und Hospitanz offiziell als Notfallseelsorgerinnen und Notfallseelsorger beauftragt. Überdies bildete der Gottesdienst auch den Rahmen für Ehrungen. Lesen Sie dazu den weiteren Bericht.
Licht in menschlicher Dunkelheit
In ihrer Predigt stellte Tarnow die biblischen Bilder von Licht und Salz in den Mittelpunkt. Die Notfallseelsorge stehe Menschen unabhängig von Religion, Hautfarbe oder Zugehörigkeit bei. Das Geschehene könnten die Helfenden nicht ungeschehen machen, wohl aber Orientierung geben und erste Schritte durch die Trauer ermöglichen. Die Kerze, die zur Ausstattung jedes Notfallseelsorge-Rucksacks gehöre, symbolisiere die Hoffnung, dass das Schreckliche nicht das letzte Wort behalte.
Wie wichtig es sei, Schmerz gemeinsam auszuhalten, verdeutlichte Tarnow anhand eines weiteren Einsatzes. Einer Mutter habe sie einst mitteilen müssen, dass deren 14-jähriger Sohn überfahren worden sei. Die verzweifelte Frau habe sie angefleht, das Geschehene rückgängig zu machen. Das sei unmöglich gewesen. Doch sie habe die Klage der Mutter ausgehalten. Später habe diese ein Foto ihres Sohnes geholt, eine Kerze angezündet und gemeinsam mit ihr geweint. Mit ihrem Dasein, ihrem Reden und Schweigen würden Notfallseelsorgerinnen und Notfallseelsorger zu Lichtträgern, so Tarnow.
Große Anerkennung für das Ehrenamt
Die Bedeutung dieses Dienstes würdigte Kreisbeigeordneter Volker Buser, der die Glückwünsche von Landrat Christian Engelhardt und Kreistagsvorsitzendem Joachim Kunkel überbrachte. Medizinische Hilfe allein reiche in manchen Situationen nicht aus. Der Wert der Notfallseelsorge lasse sich deshalb nicht nur an Einsatzzahlen messen. Buser verwies auf die Vereinbarung, mit der der Landkreis die Koordinationsstelle mit rund 25 Prozent bezuschusse.
Bensheims Bürgermeisterin Christine Klein dankte stellvertretend für die Bürgermeisterinnen und Bürgermeister aller 22 Kreiskommunen für 25 Jahre „Erste Hilfe für die Seele“. Gerade bei größeren Notfällen sei es auch für kommunale Verantwortliche eine enorme Entlastung, auf die Helfenden zählen zu können.
Besonders persönlich fiel das Grußwort von Rimbachs Bürgermeister Holger Schmitt aus, der zugleich Vorsitzender des 2008 gegründeten Fördervereins ist. Dieser unterstützt die rund 60 Ehrenamtlichen unter anderem durch die Finanzierung von Ausbildung, Einsatzkleidung und Supervisionen. Schmitt berichtete vom Unfalltod seiner Tochter Kathrin im Jahr 2016. Damals habe die Notfallseelsorge seiner Familie in tiefster Trauer beigestanden, das zunächst Unerträgliche mit ihr ausgehalten und ihr ersten Halt gegeben. Diese Erfahrung sei ein wesentlicher Antrieb für sein heutiges Engagement. Sein Dank galt auch den Mitgliedern, Spendern und Unterstützern des Fördervereins sowie seinen Vorgängern im Vorsitz.
Markus Reuter, Leiter des Referats Notfallseelsorge im Katholischen Bistum Mainz, überbrachte die Glückwünsche von Bischof Peter Kohlgraf. Er verglich die Entwicklung der Einrichtung mit den Lebensphasen eines Menschen: Mit 25 Jahren sei bereits viel erreicht, zugleich liege noch eine lange Zukunft vor ihr.
Die hessische Landtagsabgeordnete Birgit Heitland bezeichnete die Ehrenamtlichen als ein Geschenk Gottes. Sie seien da, wenn Trost und Halt gebraucht würden. Dabei dürfe nicht unterschätzt werden, was dieser Dienst ihnen persönlich abverlange. Heitland wünschte ihnen deshalb auch Menschen, die ihnen selbst in belastenden Situationen beistünden.
Den Festgottesdienst gestalteten Hermann Waßmuth an der Orgel und Dirk Seibel am Saxophon musikalisch. Beim anschließenden Empfang bot sich Gelegenheit, Erinnerungen auszutauschen und langjährige Wegbegleiterinnen und Wegbegleiter wiederzutreffen.