Der frühere Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), Volker Jung, hat das Evangelische Dekanat Bergstraße besucht. Im Heppenheimer „Haus der Kirche“ stellte er den Ruhestandspfarrerinnen und -pfarrern der Region in dieser Woche wesentliche Ergebnisse der sechsten Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (KMU 6) vor. Die Studie zeichnet ein Bild vom Wandel der religiösen Landschaft in Deutschland. Ihre zentrale Erkenntnis: Nicht nur die Bindung an die Kirchen nimmt ab, sondern auch die Religiosität insgesamt. Über die Ergebnisse und ihre Bedeutung für die Zukunft der Kirche diskutierte Jung mit den Teilnehmenden, darunter auch Ute Gölz, die Präses des gastgebenden Dekanats.
Der promovierte Theologe stand von 2009 bis 2024 an der Spitze der EKHN und zählt damit zu den prägenden Persönlichkeiten der evangelischen Kirche in Hessen und Rheinland-Pfalz. Mit der Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung ist der frühere Kirchenpräsident besonders vertraut: Er gehörte zu den Vorsitzenden des wissenschaftlichen Beirats, der die sechste Auflage der Studie begleitete. Bei seinem Besuch in Heppenheim konnte Jung somit nicht nur die Ergebnisse der Untersuchung erläutern, sondern auch Einblicke in deren wissenschaftlichen Hintergrund geben.
Religiosität insgesamt auf dem Rückzug
Die im November 2023 vorgestellte KMU 6 untersucht, welche Rolle Religion und Kirche in der deutschen Gesellschaft spielen. Die Untersuchung knüpft an eine Reihe von Studien an, die seit Jahrzehnten etwa alle zehn Jahre durchgeführt werden. Dabei geht es unter anderem um die Einstellungen der Menschen zur Kirche, die Gründe für Kirchenaustritte und die Veränderungen persönlicher Religiosität. Auch die Bedeutung von Religion für den gesellschaftlichen Zusammenhalt wird beleuchtet.
Erstmals widmet sich die Untersuchung zudem ausführlich dem Religionsunterricht und dem Bildungsbereich. Damit reicht ihr Blick weit über die Frage hinaus, wie viele Menschen einer Kirche angehören oder regelmäßig einen Gottesdienst besuchen. Vielmehr geht es darum, welche Bedeutung religiöse Überzeugungen für das Leben der Menschen haben und wie sich diese Bedeutung im Laufe der Zeit verändert.
Besonders bemerkenswert ist der zentrale Befund, dass der Rückgang der Kirchenmitgliedschaft nicht allein mit einer wachsenden Distanz zu den Institutionen erklärt werden kann. Vielmehr verliert auch Religion als solche für einen zunehmenden Teil der Bevölkerung an Bedeutung. Die Entwicklung betrifft damit nicht nur die organisatorische Zukunft der Kirchen, sondern ebenso ihre gesellschaftliche Rolle.
Für die Ruhestandspfarrerinnen und -pfarrer bot Jungs Vortrag Gelegenheit, diese Veränderungen vor dem Hintergrund ihrer eigenen beruflichen Erfahrungen zu betrachten. Viele von ihnen haben über Jahrzehnte hinweg in Kirchengemeinden gearbeitet und dabei den Wandel kirchlichen Lebens unmittelbar miterlebt. Die anschließende Diskussion eröffnete die Möglichkeit, die wissenschaftlichen Erkenntnisse mit diesen Erfahrungen in Beziehung zu setzen.
Ehemaliger Dekan organisiert die Treffen
Organisiert hatte die Veranstaltung Arno Kreh, der selbst viele Jahre als Dekan an der Spitze des Evangelischen Dekanats Bergstraße stand. Seit seiner Versetzung in den Ruhestand im Jahr 2024 kümmert er sich um die Zusammenkünfte der sogenannten Emeriti. Mit diesem Begriff werden Pfarrerinnen und Pfarrer bezeichnet, die aus dem aktiven Dienst ausgeschieden sind.
Unter Krehs Regie hat sich der Kreis inzwischen über die ursprünglich angesprochene Berufsgruppe hinaus geöffnet. So nahm am jüngsten Treffen auch eine ehemalige Verwaltungsfachkraft teil. Darüber hinaus sind immer wieder Partnerinnen und Partner der Emeriti bei den Veranstaltungen willkommen.
Die Gruppe kommt regelmäßig viermal im Jahr zusammen, jeweils zweimal pro Halbjahr. Dabei wechseln sich unterschiedliche Formate ab: Ein Treffen ist einer gemeinsamen Wanderung gewidmet, das andere einer Exkursion oder einem Vortrag. Auf diese Weise verbinden die Emeriti persönliche Begegnungen mit der Beschäftigung mit kirchlichen, gesellschaftlichen und anderen Themen.
Mit dem Besuch von Volker Jung stand diesmal eine Persönlichkeit im Mittelpunkt, die die Entwicklung der evangelischen Kirche über anderthalb Jahrzehnte in leitender Verantwortung mitgestaltet hat. Zugleich bot das Treffen den ehemaligen Pfarrerinnen und Pfarrern Gelegenheit, sich mit einer Frage auseinanderzusetzen, die auch nach dem Ende ihres aktiven Dienstes von Bedeutung bleibt: Welche Rolle kann und soll die Kirche in einer Gesellschaft spielen, in der religiöse Bindungen zunehmend schwächer werden?