Wie lässt sich Frieden schaffen, wenn Kriege und Gewalt die internationale Politik bestimmen? Welche Rolle spielt dabei die militärische Verteidigung? Und wie können Christinnen und Christen ihrem Anspruch gerecht werden, für den Frieden einzutreten? Mit diesen Fragen beschäftigt sich ein Gesprächsabend, zu dem die Evangelische Gesamtkirchengemeinde Bergstraße Nord für Montag, 16. November, um 19.30 Uhr ins Pfarrer-Reith-Haus (Weedring 47) nach Seeheim einlädt. Die Veranstaltung gehört zur Reihe „Gott und die Welt“ und steht unter dem Titel „Wie dem Bösen widerstehen? Frieden schaffen in einer Welt voller Gewalt“. Als Referent ist Professor Dr. Johannes Fischer zu Gast. Gastgeber ist Pfarrer Christoph Sames.
Der Gesprächsabend findet im Rahmen der Ökumenischen Friedensdekade statt, die vom 8. bis 18. November begangen wird. Sie bietet Anlass, sich mit den Ursachen von Gewalt, den Möglichkeiten gewaltfreier Konfliktlösung und der Verantwortung von Politik, Gesellschaft und Kirchen für den Frieden auseinanderzusetzen.
Friedensethik vor neuen Herausforderungen
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs erlebte Deutschland eine jahrzehntelange Friedensperiode. Zugleich verband sich mit der Entwicklung des Völkerrechts und dem Aufbau internationaler Institutionen die Hoffnung, kriegerische Auseinandersetzungen zunehmend verhindern oder zumindest begrenzen zu können. Auch innerhalb der Kirchen veränderte sich das Nachdenken über Krieg und Frieden. An die Stelle der traditionellen Lehre vom „gerechten Krieg“ sollte das Leitbild des „gerechten Friedens“ treten. Es stellt die Vermeidung von Gewalt, die Überwindung von Konfliktursachen und die Schaffung gerechter Lebensverhältnisse in den Mittelpunkt.
Mit dem russischen Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 haben diese Hoffnungen einen schweren Rückschlag erlitten. Der Krieg ist nach Europa zurückgekehrt. Deutschland und andere europäische Staaten messen ihrer militärischen Verteidigungsfähigkeit seither wieder größere Bedeutung bei. Die Frage, wie sich Frieden sichern lässt, wird damit auch zu einer Frage nach dem Verhältnis von Gewaltverzicht und militärischer Gegenwehr.
Gerade in den Kirchen sorgt diese Entwicklung für Verunsicherung. Wie lässt sich das christliche Friedensgebot mit der Notwendigkeit vereinbaren, Menschen vor militärischer Gewalt zu schützen? Kann der Einsatz von Waffen gerechtfertigt sein, um weiteres Unrecht zu verhindern? Und wo liegen die Grenzen militärischer Gewalt, wenn das Ziel ein dauerhafter Frieden sein soll?
Impulsreferat und offene Diskussion
Mit diesen ethischen und theologischen Fragen beschäftigt sich Johannes Fischer. Der emeritierte Professor lehrte Theologische Ethik an der Universität Zürich. In seinem Impulsreferat wird er die Herausforderungen beleuchten, vor denen die christliche Friedensethik angesichts der gegenwärtigen weltpolitischen Entwicklungen steht.
Dabei geht es nicht nur um die grundsätzliche Ablehnung von Krieg und Gewalt, sondern auch um die schwierige Frage, wie Menschen und Staaten auf gewaltsames Unrecht reagieren sollen. Denn so groß die Einigkeit über das Ziel des Friedens ist, so unterschiedlich fallen die Antworten auf die Frage aus, wie sich dieses Ziel erreichen lässt.
Im Anschluss an Fischers Vortrag ist ausdrücklich Zeit für eine ausführliche Diskussion vorgesehen. Die Besucherinnen und Besucher haben Gelegenheit, Fragen zu stellen, unterschiedliche Positionen auszutauschen und gemeinsam darüber nachzudenken, welche Orientierung die christliche Friedensethik in einer von Gewalt und Unsicherheit geprägten Welt geben kann.