Interview mit Dekanin Sonja Mattes
„Es wird uns als Kirche immer geben, aber in viel ,fluiderer‘ Art, etwa als ,wanderndes Gottesvolk‘“
© Michael Ränker
19.03.2025
mr
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- Sind Sie angekommen, Frau Mattes?
SONJA MATTES: Ja, aber ich will differenzieren zwischen dem Ankommen im Privaten und im Beruflichen. Privat war es für uns alle eine sehr große Veränderung und es brauchte Zeit, um sich neu im Alltag einzufinden. Aber wir wurden herzlich Willkommen geheißen und die Menschen in Gronau/Zell sind sehr nett und hilfsbereit, das macht es leichter. Mit Blick auf meine neue Funktion als Dekanin würde ich sagen: Ja, ich bin angekommen. Die Arbeit ist komplex, aber sie macht mir sehr viel Spaß, weil ich viele interessante und engagierte Menschen kennenlernen durfte. Es blieb nicht wirklich viel Zeit, um zunächst einmal nur eine Beobachterrolle einzunehmen, sondern mit dem Amtswechsel ging es gleich los mit der Fortsetzung des ekhn2030-Prozesses. Wir leben eben in einer herausfordernden und schnellen Zeit. Zwischenzeitlich bin ich fast überall im Dekanat einmal gewesen und bin begeistert von 43 tollen Kirchengemeinden und dem Engagement so vieler Menschen für unsere Kirche. Ich fühle mich nicht mehr als „die Neue“.
- Haben sie denn schon Lieblingsorte für sich entdeckt?
SONJA MATTES: (lacht) Ich bin in der Tat gerne hier in diesem Büro und sitze auf dem Stuhl von meinem Vorgänger Arno Kreh mit Blick zur Starkenburg. Das Haus der Kirche ist für mich ein Ort, um konzentriert arbeiten zu können, im Austausch mit meinen Kolleginnen und Kollegen zu sein, es ist eben auch ein Ort der Gemeinschaft. In Gronau sitze ich gerne am Ortsende auf der Aussichtsbank mit weitem Blick ins Dekanat. Und zum Glück, da ich viel fahren muss, sitze ich auch gerne in meinem Auto. Beim Fahren kann ich meine Gedanken sortieren - und passend zu meiner Stimmung Musik hören.
- Was sind für Sie die drei größten Herausforderungen, vor denen das Dekanat als mittlere Ebene in den nächsten Jahren steht?
SONJA MATTES: Die größte Herausforderung, das ist aus meiner Sicht die Beantwortung der Frage: Wie kann es uns gelingen, weiterhin hoffnungsvoll unterwegs zu sein? Also wie können wir unseren Glauben leben und der Unzufriedenheit und den Sorgen trotzen, die die Veränderungsprozesse mit sich bringen? Mut machen sollte es uns, dass wir in der Corona-Pandemie gesehen haben, dass wir kreativ sein und etwa Gottesdienste auch ohne Gebäude feiern können. Es ist mit Gott viel mehr möglich, als wir manchmal meinen. Aber die großen Veränderungsprozesse kosten uns im Moment einfach sehr viel Kraft.
Eine weitere Herausforderung wird die Kirchenvorstandswahl sein, die 2027 ansteht. Werden sich noch ausreichend Ehrenamtliche finden, die die immer größer werdende Verantwortung übernehmen und bei der Entscheidungsfindung mitwirken wollen?
Eine weitere große Herausforderung bleibt der Abbau von Pfarrstellen. Damit brechen uns die Hauptamtlichen weg, die wir eigentlich dringend benötigen, um die beiden erstgenannten Punkte besser bestehen zu können: Die die frohe Botschaft predigen und Ehrenamtliche ermutigen.
Wünschen würde ich mir überdies, dass Diakonie und Kirche sich besser verbinden.
- Wo sehen Sie Handlungsbedarf in unseren Kirchengemeinden?
SONJA MATTES: Durch die Kürzung der Pfarrstellen und der Mittel für die Unterhaltung der Gebäude beziehungsweise durch die Bildung der Nachbarschaften sind Kirchengemeinden herausgefordert, ihre Identität zu bewahren und sich zugleich zu öffnen. Dafür braucht es Menschen, die Mut machen, als Vorbilder und Anleitende. Gleichzeitig müssen die Kirchengemeinden eigenständiger werden. Es braucht nicht immer einen Pfarrer, der die Andacht hält - und es muss Bauausschüsse geben, die auch ohne Hauptamtliche funktionieren. Um nur zwei Beispiele zu nennen.
- Mit welchen Themen sind die Menschen, die Sie seit dem Amtsantritt in der Region kennengelernt haben, an Sie herangetreten?
SONJA MATTES: Mein Amt ist ja sozusagen nach außen und nach innen ausgerichtet. Ich merke in vielen Gesprächen, auch mit Politikern, dass wir gesellschaftlich als Mutmacher und Hoffnungsträger gebraucht werden. Und dass man uns da auch etwas zutraut, wenn es darum geht, die Gesellschaft zu stabilisieren oder die unterschiedlichen „Blasen“, in denen wir alle leben, aufzubrechen. Wir sollen den Finger in die Wunde legen, uns für Demokratie einsetzen oder für Benachteiligte stark machen, weil wir eine gute Botschaft mitbringen, die heilsam ist. Und dann gibt es viele ganz handfeste innerkirchliche Themen, die mir vorgetragen werden. Zum Beispiel, wie eine Pfarrstelle besetzt werden kann.
- Welche dieser Themen liegen Ihnen mit Blick auf die Gesellschaft besonders am Herzen?
SONJA MATTES: Angesichts knapper werdender Kassen beschäftigt es mich sehr, wie die Diakonie beziehungsweise die freien Wohlfahrtsverbände gestärkt werden können. Wir sehen ja die Not von Menschen auch in unseren Kirchengemeinden: Armut, häusliche Gewalt, Einsamkeit, psychische Erkrankungen und anderes mehr - um diesen und anderen sozialen Herausforderungen begegnen zu können, dazu braucht es professionelle Hilfesysteme. Wenn wir als Gesellschaft aber diese Systeme noch weiter ausdünnen, wo landen dann die Menschen, die professionelle Hilfe brauchen? Darum ist mir unser Zusammenspiel mit der Diakonie so wichtig.
- In der Rückschau lässt sich feststellen, dass Ihre Vorgänger im Dekane-Amt jeweils mindestens ein „Herzensthema“ hatten – für Ulrike Scherf war das der Sonntagsschutz, für Arno Kreh war die Tafel-Arbeit der Diakonie so ein Projekt. Haben Sie auch ein persönliches Projekt, dem Sie sich widmen möchten?
SONJA MATTES: Es ist sicher nicht mein „Herzensthema“, aber meine Aufgabe ist es, den Prozess ekhn2030 hier in der Region zu gestalten. Dabei liegt mir die bestmögliche Unterstützung unserer Kirchengemeinden durch das Dekanat sehr am Herzen. Ich versuche, die Themen voran zu leiten und zugleich die auflaufenden Probleme vor Ort in die Kirchenverwaltung hinein zu vermitteln. Das ist mein Job, dafür bin ich angetreten. Und ich bin froh und dankbar zu sehen, was sich in den letzten Monaten entwickelt hat. Dass wir uns verändern müssen, daran gibt es mittlerweile keinen Zweifel mehr. Diese Erkenntnis ist die Basis für Veränderung und sehr viele Menschen arbeiten hoch engagiert und konstruktiv daran, das Beste aus der Situation zu machen: es gibt Einigungen in den Gebäudeentwicklungsplänen, in den Rechtsformen der Nachbarschaft, die Verkündigungsteams finden mehr und mehr zusammen und es gibt schöne, kreative Nachbarschaftsprojekte – wir sind auf dem Weg.
- Wo sehen Sie die Evangelische Kirche in der Region in sechs Jahren, also dem skizzierten - vorläufigen - Ende des als Reformprozesses „ekhn2030“?
SONJA MATTES: Wir werden weiter Kirche, wenngleich an neuen Orten und in anderen Formen sein. Es wird uns als Kirche immer geben, aber in viel „fluiderer“ Art, etwa als „wanderndes Gottesvolk“. Wo Traditionen sich noch immer bewähren, da werden sie auch Bestand haben, aber manches, was sich einfach in seiner Starre überholt hat, das wird nicht mehr sein, dafür aber Neues. Und das macht mir Mut, nach vorne zu schauen, weil ich zugleicht weiß, dass wir ein ewig tragendes Fundament haben: Denn einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, und der ist Jesus Christus. (1. Korinther 3,11)
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